Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Josefa Nilles, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Von Karl-Heinz Dr. Nilles, Volkach
25.04.2009 um 11:42 Uhr von VRS MediaAuszüge aus den Memoiren von Josefa Nilles
Unsere Mutter hat im Jahre 1999 damit begonnen, ihr Leben niederzuschreiben. Leider enden ihre Computer-Aufzeichnungen mit dem Tode unseres Vaters im Januar 1997. Einige kurze Episoden aus den Jahren 2001 und 2003 hatte sie noch fertig gestellt. Die Jahre nach 1997 wollte sie eigentlich in den kommenden Monaten in Angriff nehmen. Dazu ist es nun nicht mehr gekommen. Handschriftliche, nahezu lückenlose Tagebuchaufzeichnungen von 1997 bis 2009 existieren jedenfalls.
Ihre allerletzte Eintragung im Tagebuch stammt vom 25. Januar 2009, dem Tag vor ihrem schweren Schlaganfall. Sie lautet:
„Nicht in die Kirche, da schon um 9 Uhr - Erst um 10 Uhr aufgestanden - Geduscht, Kaffee getrunken - Zum Mittag Mehlknödel mit Obst gegessen - Und dann durch die Sonne mit Feliz bis zum Haus von „Lexen Mia“ - anschließend durch die Olk zurück bis zur Germania“
Hier nun einige Auszüge aus dem bisher fertiggestellten ca. 250 Seiten umfassenden Werk:
... Heute am Ostermontag im Jahre 1999 mache ich meine ersten Gehversuche an meinem neuen Computer, den mir mein Sohn Karl-Heinz eingerichtet hat. Ich habe vor, meine Lebensgeschichte, soweit sie noch in meinem Gedächtnis ist, anhand meiner Tagebuchaufzeichnungen niederzuschreiben...
... Letztes Schreiben von Großvater vor seinem Tod an seine Kinder und Enkel!
„Godesberg den 11. September 1915
Liebe Kinder!
Sollte es Gottes Wille sein, mich jetzt durch meine Krankheit von Euch zu nehmen, so geschehe sein hl. Wille. Haltet fest an seinem hl. Glauben --- (eine Zeile fehlt, da nicht mehr zu entziffern) --- Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, sein Name sei gepriesen. Nehmt Euch ein Beispiel an mir, ich habe die freudige Hoffnung, Eurer lb. Mutter sagen zu können: Sieh Mutter, ich habe meine Sache soweit gut gemacht!
Machet Euer Vermögen in Frieden auseinander, helfet eins dem andern fort wo möglich. Ich hatte Glück in meinen Unternehmungen und habe Gott stets dafür gedankt. Was ich erworben, ist durch Fleiß und Kenntnis u. Obiges entstanden. Ich habe meinem Wissen nach niemanden um einen Pfennig betrogen. Sollte jemand Euch Vorwürfe machen, dann betrachtet ihn als einen Verleumder.
Zum Schlusse empfanget alle meinen Segen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des hl. Geistes, Amen.
Auf Wiedersehen, wenn nicht hier, dann in der Ewigkeit...“
... Mit meiner Großmutter Luise Hedwig Nummer, geb. Schue ist der Name Schue ausgestorben. Sie war eine Nichte des großen Wohltäters der Gemeinde, nämlich Engelbert Schue. Er ist hier in der Leichenhalle begraben. Er wurde 1772 in Trittenheim geboren. Gestorben ist er am 22.12.1847 in Trier. Er war Domkanonikus und Theologieprofessor in Trier und hat sein gesamtes Vermögen außer dem väterlichen Erbe der Kirchengemeinde Trittenheim gestiftet...
... Ich kam als viertes von vier Mädchen zur Welt und ich glaubte immer, das Lieblingskind meines Vaters zu sein. Vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet. Für meine Eltern wäre es sicherlich vorteilhafter gewesen, wenn statt meiner der lange ersehnte Sohn zur Welt gekommen wäre. Dieser ließ aber noch vier Jahre auf sich warten. An die Geburt meines Bruders Karl kann ich mich noch gut erinnern. Die Freude war damals riesengroß...
... Als ich fünf Jahre alt war, verloren wir durch die schwere Krankheit unseren lieben Vater. Er ist in Trier gestorben, im Alter von nur dreiundvierzig Jahren... Ich kann mich noch gut daran erinnern, als Mutter ihn nach der Operation besuchen wollte. Sie wartete zusammen mit meiner Schwester Hedwig im Trittenheimer Bahnhof auf den 6-Uhr-Zug nach Trier. Inzwischen war aber Onkel Andres, der als Ortsvorsteher damals schon ein Telefon hatte, vom Krankenhaus benachrichtigt worden, dass Vater in der Nacht gestorben sei. Er ist dann schnell zum Bahnhof geeilt, wo er Mutter noch rechtzeitig antraf und ihr dann die traurige Nachricht mitteilte. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was das für uns ein Schicksalsschlag war! Er starb an seinem Kriegsleiden Tuberkulose, sowie an Leber- und Gallenkrebs
Nach seinem Tod musste sein Leichnam mit der Bahn bis nach Hetzerath gebracht werden, da die Mosel damals Hochwasser führte. Von Hetzerath aus hat Onkel Andres ihn mit den Pferden über die Acht nach Hause gebracht. Nach dem Rosenkranz, der bei uns im Haus gebetet wurde, haben wir dann hier gemeinsam auf die Ankunft der Leiche gewartet. Mutter sagte immer, sie habe geglaubt, „die Pferde würden ihr über den Kopf trampeln“...
... An der Tuberkulose-Erkrankung von Vater haben Hedwig und ich uns angesteckt. In der Kindheit gehörte ich immer zu den sogenannten Kontrollkindern. Einmal habe ich mir heimlich Einblick in meine Krankenpapiere verschafft. Das, was ich da las, war niederschmetternd: „Diagnose Lungenschwindsucht“! Ich habe Mutter und meinen Geschwistern nichts davon gesagt. Hedwig kam in ein Sanatorium und ich ebenfalls, und zwar nach Kreuznach. Ich war erst sieben Jahre alt und musste dort sechs Wochen bleiben. Ich hatte furchtbares Heimweh. An die erste Karte, die ich von dort geschrieben habe, kann ich mich noch gut erinnern. Sie haben mich später damit immer wieder geneckt. Ich hatte geschrieben: „Es geht mir gut, hier sind ein Äffchen und ein Eichhörnchen, viele Grüße an meine Geschwister“. Nachdem ich von Kreuznach zurück war, konnte ich kein Trittenheimer Platt mehr sprechen und wurde erneut ausgelacht...
... Wenn abends Lotto oder Schimmelreiten gespielt wurde, musste ich immer mit meinem Bruder Karl ins Bett gehen. Einmal habe ich ihm ein Säckchen voll Klicker versprochen, wenn er nur dieses eine Mal alleine ohne mich ins Bett gehen würde. Aber es hat nichts genutzt. Er bestand darauf, dass ich ihn wie immer ins Bett begleite. Wie gerne hätte ich noch mitgespielt!...
... Unsere Weihnachtsgeschenke hielten sich in Grenzen. Meist lagen unter dem Christbaum die Geschenke, die wir bereits vom Nikolaus bekommen hatten. Auch die Geschenke von den Paten lagen da. Regina und ich sind immer nach Leiwen zum "Aufheben" (wie man es damals genannt hat) gelaufen. Die Patin von Regina war Tante Jina und meine Patin war Anna Werner, eine nahe Verwandte von Mutter. Bei meiner Patin entdeckte ich im Küchenschrank zwei Porzellanfigürchen. Ich glaube, es waren Hummelfiguren. Ich bin nicht eher nach Hause gegangen, bis ich die Figuren hatte. Im Betteln war ich schon immer gut!..
... Damals gab es leider noch keine vorbeugende Impfung gegen Diphtherie. Ich befand mich in einer Art Quarantäne. Es durfte jeweils nur ein Besucher oder Familienmitglied das Zimmer betreten. Er musste zum Schutz einen weißen Kittel tragen. Die Türklinken waren mit Desinfektionsmittel getränkten Tüchern umwickelt. Es waren alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden, und so hat sich Gott sei Dank niemand bei uns mit Diphtherie angesteckt...
... Dann wurde die Straße am Haus entlang neu gemacht. Ich war damals vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Da standen die Bauwagen, wo die Straßenarbeiter auch gekocht haben. Dort bin ich eines Tages vorbei gekommen und habe dann anschließend zu Hause berichtet: „Was haben die viel‘ Dippen auf dem Herd“. Mit diesem Ausspruch hat man mich später immer wieder gehänselt..
... Ein Jahr darauf kam ein anderer Nikolaus zu uns. Wieder war die Erwartung groß. Er stellte sich folgendermaßen vor: „Ich bin der Heilige Nikolaus. Ich bin vom Himmel herab gekommen, die guten Kinder zu belohnen und die bösen zu bestrafen! Habt ihr euch gut geschickt?“ Und das alles im Neumagener Tonfall! Meine Schwester Gerda hat gleich gesagt: „Das war Leo!“ Und so haben sie mir den Glauben an den Nikolaus für immer genommen...
... Zur Weinlese, die früher recht mühsam war und es trotz technischen Fortschritts auch heute vielfach noch ist (man denke da an die Steillagen!), bekamen wir noch einmal Ferien. Morgens vor Beginn der Lese läutete die Glocke, vorher durfte niemand die Weinberge betreten. Auch durfte man nur in die Weinberge gehen, die „aufgetan" waren, die also offiziell zur Ernte frei gegeben waren...
„Aufgetan“ wurde immer nur in einem bestimmten Distrikt, wozu mit der Dorfschelle bekannt gemacht wurde. Am Abend, wenn die Glocke läutete, mussten die Weinberge verlassen werden. Dasselbe galt auch für den Fall, dass es regnete. Der Leseablauf war der gleiche wie heute, nur dass man damals keine ausreichend warmen Sachen und Stiefel zum anziehen hatte....
... Wenn wir dann Herbstleute hatten, die zum allerersten Mal in der Lese waren, wurden sie zur Verwandtschaft geschickt, um z.B. den "Kelterbär“, irgendein Kelterteil, das es gar nicht gab, oder „das Rad zum Drehen der Mostwaage“, was natürlich auch Unsinn war, oder den „Bauchbüttentrichter" auszuleihen. Meistens wurden sie dann zum Trinken eingeladen. Da es diese Dinge natürlich nicht gab – alles war ja nur ein Spaß -, wurden sie wieder fort geschickt - unter dem Vorwand, ein anderer hätte diese Sachen bereits ausgeliehen. Oft hat man ihnen schwere Gegenstände angedreht, und sie kamen dann schließlich schwer beladen und meist gut besoffen hier an. Einmal war es besonders lustig. Fräulein Kreis war wieder einmal hier zum Nähen. Sie hatte noch eine Freundin mitgebracht...Wir haben die beiden losgeschickt. Zuerst zu Tante Lutz. Dort hat man sie weiter geschickt zu Gredi, und die hat gesagt, die Sachen wären bei Jakob. (Das sind alles Verwandte von uns). Als Mutter und ich die beiden die Straße herunter kommen sahen, haben wir uns versteckt. Sie schleppten ein schweres Rad mit sich, welches früher an der Häckselmaschine war. Das war also das angebliche Rad von der Mostwaage! Sie hatten den unsinnigen Auftrag ordnungsgemäß ausgeführt und besoffen waren sie auch...
... Hier noch eine lustige Geschichte rund um den Federweißen aus der Zeit, als ich schon mit Leo verheiratet war und drei Söhne hatte. 1959, das Jahr, in dem Peter zur Welt kam, war ein sehr gutes Weinjahr, ein Jahrhundertjahrgang. Wir hatten leider nur sechs Fuder Wein gemacht, unser Betrieb war ja damals noch im Aufbau. Ich lag im Kindbett und Leo war mit Resi und Julius aus Trier, die gute Freunde von uns waren, zu Schamber Franz gegangen, der im Geburtshaus von Mutter wohnte, um Federweißen zu probieren. Sie hatten diesem auch kräftig den Abend über zugesprochen. Ich lag im Bett und hatte eine Wut im Bauch. Die dachten sicherlich, die liegt gut, aufstehen kann sie nicht. Ich habe sie schon von weitem gehört, als sie über den Gemeindeplatz kamen. Resi mussten sie regelrecht über den Boden schleppen, so besoffen war sie. Und immer wieder rief sie: "Nie mehr zu Schamber Franz!"...
... Leos Spezialität war es immer, wildfremde Leute in den Keller zur Weinprobe einzuladen. Wenn er dann mit dem Schlauch von Fass zu Fass ging und ein Wein dabei war, der noch in der Gärung war, konnte es schon mal vorkommen, dass die nachfolgenden Fässer wieder zu gären angefangen haben, wenn noch Restsüße vorhanden war. Nur mit viel Mühe konnten die „unruhig gewordenen Weine“ mittels Schwefel und Filtration wieder in Ordnung gebracht werden...
... Immer wenn die Weiden gemacht wurden, stand das Haus Kopf! Meistens führten wir diese Arbeiten in der kleinen Stube durch. Da war dann den ganzen Tag über ein Riesendurcheinander. Die Kinder liefen ständig zwischen den Weiden herum. Wir machten ihnen aus den aussortierten, schlechten Weiden kleine Besen. Damit hatten sie ihre helle Freude....
... Leo hatte sich inzwischen ein neues Weidenmesser („Kneip“) gekauft. Ich aber hatte nur ein altes, das noch von Vater stammte. Damit bin ich nicht richtig zurechtgekommen. Bis ich eines Tages zu Weihnachten einen neuen Weidenkneip bekam. Ich glaube das war das einzige handfeste Geschenk, was ich von Leo jemals bekommen habe...Jedenfalls war ich glücklich mit dem Geschenk, konnte ich doch jetzt beim Weidenschneiden mit den anderen wieder mithalten und brauchte mich nicht länger mit dem alten Messer herum zu plagen. Als Marcell - unser französischer Gefangener - noch da war, hat er den ganzen Winter über die Weiden gemacht und er konnte es gut. Er saß dann von morgens bis abends in der mollig warmen Futterküche...
... Die Zeiten damals waren schlecht. Die Zahl der Arbeitslosen war auf eine noch nie zuvor gekannte Höhe angestiegen. Sie zogen zum Teil bettelnd durch die Lande. Auch Leo verlor damals seine Stelle in Bernkastel...
... Auch kann ich mich noch gut daran erinnern, als er seinen Bruder Franz in Trittenheim einmal besuchte, zu der Zeit, als er noch in Bernkastel eine Arbeit hatte. Er kam mit der Kleinbahn. Regina und ich hatten uns im „Kardel“, der sich rechts oberhalb des Trittenheimer Bahnhofs befindet, versteckt. Da kam er nun an mit Schlips und Kragen, einem schönen Anzug, weißen Gamaschen, wie sie damals Mode waren, einem dicken Rohrstock und Hut. Wir haben uns später noch oft daran erinnert. Leo war damals schon ein stolzer, feiner Kerl, auch wenn er arm war wie eine Kirchenmaus....
... Zu Weihnachten haben Franz und Leo in der "großen Stube" eine Weihnachtskrippe aufgebaut. Das ganze Zimmer hatten sie in Beschlag genommen. Bis auf das Vertiko in der Ecke neben dem Fenster hatten sie das Zimmer leer geräumt. Nachdem sie einen Unterbau erstellt hatten, wurde Moos aus dem Wald geholt. Krippe und Häuschen wurden aus Birkenholz gebaut. Diese Arbeiten hatten ihnen einen Riesenspaß gemacht. Als Krippe diente ein von Vater auf dem Flohmarkt erstandenes Aquarium-Teil, was sehr einer umrankten Felsenhöhle ähnelte. Darin stand die Krippe mit den anderen Figuren. Unsere Weihnachtskrippe war schon etwas Besonderes. Das halbe Dorf kam, um sich die Krippe anzusehen...
(30er Jahre)
... Im Sommer hielten wir uns meistens an der Mosel auf. Wenn wir auch gezittert haben wie Espenlaub, sind wir trotzdem in die Mosel schwimmen gegangen. Ich war damals viel mit Herzogs Irmgard zusammen. Die wohnte gegenüber von Herres. Da wir keine Badeanzüge besaßen, haben wir uns stattdessen einen alten Unterrock angezogen, den wir unten zusammen genäht hatten. Ich war manchmal bis zu sieben Mal im Wasser. Den "Badeanzug" hatte ich unter einem Stein versteckt. Mein erster richtiger Badeanzug bestand aus Wolle und war im Rücken frei, heute noch zu sehen auf einem Foto mit „Seibels Ernestine“. Zeigen durfte ich das Foto aber niemandem, da es für die damaligen Verhältnisse zu freizügig war!
In die Kirche durfte man auch in der größten Hitze nicht mit ärmellosen Kleidern. Auch mussten wir immer lange Strümpfe für den Kirchgang anziehen. Die waren meistens gestrickt und haben furchtbar gekratzt...
... Oft kamen Schüler aus der Stadt und haben von den guten Apfeltaschen, die es im Kaffee Hansen gleich hinter dem Hotel Christoffel gab, geschwärmt. Da habe ich mir gedacht: „Geh doch auch mal hin und probiere sie!“ Ich habe mir dann zwei Stück gekauft. Als man mir sagte, das Stück würde 30 Pfennige kosten, habe ich gesagt, dann könnte ich sie mir nicht kaufen.
Es war aber ein älterer Herr in dem Laden. Der sagte zu der Verkäuferin: “Geben sie dem Kind die Apfeltaschen, das Kind hat sicher Hunger“! Ich kann mich noch gut an seine vielen Goldzähne im Mund erinnern. Wie oft in meinem Leben soll ich das schon erzählt haben!...
... Noch heute leiden viele Winzer, die mit Arsen gespritzt haben oder aber viel "Bubbel" getrunken haben, an den Folgen einer mehr oder weniger starken Arsenvergiftung. Mit „Bubbel“ bezeichnen die Trittenheimer noch heute eine Art Haustrunk, der erhalten wird durch ein nochmaliges Auspressen des Tresters, nachdem dieser zuvor mit einer bestimmten Menge Wasser versetzt wurde. Da der Zuckergehalt aber recht niedrig ist, wird dem auf diese Weise gewonnenen Saft Zucker zugesetzt. Das Ganze wird anschließend einer erneuten Gärung unterworfen... Natürlich war dieses Getränk hoch mit Arsen belastet. Aber niemand konnte das damals wissen...
... Im Winter, wenn genug Eis auf der Laach war, sind wir Schlittschuh gelaufen. Es war oft bitter kalt und ich hatte keine ausreichend warmen Sachen. Auf den Bildern von damals kann man es noch sehen. Ich hatte eine alte, von Franz abgetragene Trainingshose, eine von mir gestrickte Weste und einen auf dem Kopf zu einem Turban gebundenen Schal an. Auch hatten wir keine warmen Schuhe. Die Schlittschuhe taugten auch nichts, Geld für neue gab es nicht.
Abends hatten wir dann immer kalte Füße. Im Haus war es nicht so warm, dass man sie hätte gescheit wärmen können. Man konnte sie höchstens kurz in das Backöfchen im Herd halten. Als Bettwärmer hatte Mutter immer Kieselwacken von der Mosel. Diese wurden dann auf dem Ofen oder im Herd erhitzt, mit einem Tuch umwickelt und ans Fußende unter die Bettdecke gelegt. Auch hatten es wir es oft mit Frostbeulen, auf Trittenheimer Platt "Wantermouch", zu tun...
... Wie ich bereits berichtet habe, ist das Weinfest im Jahre 1936 mit einem großen Umzug zum ersten Mal gefeiert worden. Die jüngeren der Winzertanzgruppe, zu denen auch ich gehörte, hatten mittags getanzt...Das 36er Weinfest ist mir ansonsten in unangenehmer Erinnerung geblieben. Ich hatte gerade ein Eis gegessen, als mich „Hermesen Edmund“ einlud, mit ihm auf die Schiffschaukel zu gehen. Eigentlich war ich nie ein Freund von Karussell und Schiffschaukel, ebenso konnte ich das Zugfahren nicht vertragen. Ich bin dann aber doch mit ihm in die Schiffschaukel. Als wir dann so richtig Schwung hatten, muss es mir wohl schlecht geworden sein und bin hoch oben aus der Schiffschaukel gefallen. Es war abends nach 23 Uhr. Zuerst dachten alle, ich wäre tot. Es gab dann einen großen Menschenauflauf und ich wurde nach Hause getragen. Der sofort herbei geholte Arzt stellte eine schwere Gehirnerschütterung fest. Ich hatte Verletzungen an Schienbein und Kinn...Jedenfalls war das Weinfest an jenem Tag gelaufen. Die meisten Leute gingen nach dem Unfall nach Hause...
... Als Leo 1937 während des Weinfestes hier in Urlaub war, hat er mich bei einem Spaziergang an der Mosel gefragt: "Willst du meine Frau werden?". Ein bisschen hatte ich ja immer schon von ihm geschwärmt, auch wenn er oft gesagt hatte, er könnte mich nicht leiden. Ich war noch so jung und ich sollte schon so eine schwerwiegende Entscheidung treffen! Da ich ihn aber trotz seiner ständigen Sticheleien damals schon sehr mochte, habe ich „Ja“ gesagt...
... Als der Trupp wieder abgezogen wurde, kam 1939 eine Kompanie Flaksoldaten ins Dorf. Auch bei uns wurden welche einquartiert. Da war zunächst der Opernsänger Max Pröbstl, der ab 1949 an der Bayerischen Staatoper in München als Bassist Karriere machte. Von ihm existiert noch eine legendäre Live-Einspielung von Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ aus dem Jahre 1959. Die Oper wurde am 1. Weihnachtstag 1959 im Deutschen Fernsehen live ausgestrahlt. Leider hatten wir damals noch keinen Fernseher, den bekamen wir erst ein Jahr später. Karl-Heinz hat mir aber vor kurzem eine aktuelle DVD dieser historischen Aufnahme sowie weitere CDs mit Max Pröbstl besorgt...
... Karl war kurz vor Ostern 1944 zur Luftwaffe einberufen worden. Als er am Tage vor seiner Abreise allein in der kleinen Stube auf seinem Schifferklavier "Morgen muss ich fort von hier" spielte, hat er sicher schon eine Ahnung von seinem Schicksal gehabt. Er hat dann auch schweren Herzens die Reise angetreten, von der er nie wieder zurückkehren sollte...
... Wie ich schon sagte, herrschte hier im Winter 44/45 extreme Kälte. Das Moseltal war immer nebelfrei und somit für feindliche Angriffe gut einsehbar. Die Ardennen-Offensive im Westen forderte ihre Opfer. Die Gefahr durch Bombenangriffe wuchs von Tag zu Tag. Morgens haben wir meistens schon bei Zeiten das Haus verlassen. Da die Brücke wie auch viele andere Brücken an Rhein und Mosel eine wichtige strategische Bedeutung hatte, waren wir hier unten im Dorf sehr gefährdet.....
... In diesem strengen Winter hatte es sehr viel Schnee und so sind wir dann oft vom Laurentiusberg mit dem Bob ins Dorf gefahren. Ein bisschen Vergnügen mussten wir doch in dieser traurigen Zeit haben! Wegen der Fliegerangriffe durfte man tagsüber auf keinen Fall rodeln. Also mussten wir die Nacht zum Tag machen...
... Das Weihnachtsfest rückte immer näher. Es wurde wieder ein trauriges Fest. Weihnachten im Krieg ist immer eine traurige Angelegenheit. Worüber sollte man sich freuen? Geschenke gab es keine und die Angst vor dem nächsten Bombenangriff ließ keine festliche Stimmung aufkommen...
...An den Tagen um Weihnachten herrschte bitterkaltes, sonniges Wetter. Die Jugend von Trittenheim versammelte sich am zweiten Weihnachtstag auf der „Laach“, einem Nebenarm der Mosel unterhalb des Laurentiusbergs. Bevor die Mosel in den 60er Jahren kanalisiert wurde, war das immer unsere Rutschbahn. Auch sind wir dort Schlittschuh gelaufen. Aber an dem fraglichen Tag bahnte sich eine furchtbare Tragödie an. Die auf der Laach versammelte Dorfjugend freute sich über die optimalen Eisverhältnisse. Die Sonne schien, in Leiwen auf der gegenüber liegenden Moselseite wurde die Kirmes gefeiert. Die Leute dort hatten sich um diese Zeit zur Vesper versammelt. Da flogen feindliche Bomberverbände heran. Als die Trittenheimer Kinder die Gefahr erkannten, liefen sie in entgegengesetzter Richtung wie die Bomben fielen. Es gab damals in der Nähe ein kleines Brückelchen. Dahinter wollten sie sich in Sicherheit bringen. Fast alle konnten die kleine Brücke erreichen. Einige haben es nicht mehr geschafft, haben aber Glück im Unglück gehabt und die Bombensplitter haben sie verfehlt. Nur der Sohn von Gredi ist weit durch die Luft geschleudert worden. Glücklicherweise hat er außer ein paar Prellungen und Schürfwunden keine weiteren Verletzungen davon getragen. Einige von den Kindern sind beim Herannahen der Flieger den steilen Weinberg hinauf in Richtung Laurentiuskapelle gerannt. Sie wussten nachher nicht mehr, wie sie so schnell da hinauf gekommen waren, denn sie hatten ja keine Zeit mehr, die Schlittschuhe auszuziehen! So sind sie in ihrer großen Panik auf den Kufen den gefrorenen und schneebedeckten Weinberg hinauf gestolpert...
.... Wenn die Bomber getroffen hätten, wäre ein großer Teil der damaligen Trittenheimer Jugend umgekommen...Fast zur gleichen Zeit sind in Platten bei Wittlich Bomben auf die Kirche gefallen. Die Kinder hatten gerade Religionsunterricht. Sie konnten sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen und sind alle umgekommen...
(Flucht nachTieringen auf der Schwäbischen Alb 1945)
... Sonntags bin ich immer mit einer Frau nach Laufen oder Unterdigisheim in die Kirche gegangen. Beide Ortschaften waren ungefähr vier Kilometer von Tieringen entfernt. Der alte Wilhelm hat dann immer auf den Kleinen aufgepasst. Er war sehr froh mit Dietmar. Als ich einmal von der Kirche zurück kam, lachte Wilhelm schon von weitem. Dietmar hatte die Hose voll gemacht und stand jetzt in einer Bütte und wurde von Wilhelm sauber gemacht. Wenn ich mit Dietmar ausgefahren bin, dann sind die Leute oft stehen geblieben und ich hörte sie immer wieder sagen: "Was ein schönes Büble!". Wo ich den Sportwagen her hatte, weiß ich heute nicht mehr. Dietmar hatte seine schöne weiße Trachtenhose an, dazu ein hellblaues Hemdchen. Zusammen mit seinem weißen Lockenköpfchen gab das wirklich ein Bild zum Verlieben. Dietmars Sachen waren mir, wie ich bereits erwähnt habe, lange vor seiner Geburt von unserem Bekannten aus Apolda zu geschickt worden. Heute muss ich leider zugestehen, dass ich für Karl-Heinz und Peter nicht mehr die Zeit hatte, die sie gerade in den ersten Lebensjahren gebraucht hätten. Bei Dietmar war das noch anders. Wäre die Ungewissheit über den Verbleib von Leo nicht gewesen, könnte man sagen, dass die Tieringer Zeit mit die schönste Zeit meines Lebens war...
... Im Jahre 1945 gab es überhaupt wenig Wein. Die Weinbergsarbeiten konnten nur unzureichend erledigt werden, die meisten Männer waren ja noch nicht aus der Gefangenschaft zurück und wenn, dann waren sie meist ausgehungert, kraftlos und krank. Die Frauen haben die Arbeiten, so gut es ging, für sie verrichtet. Da es keine Brücke mehr gab, musste man mit dem Fuhrwerk über Neumagen oder Thörnich fahren, um auf die andere Moselseite zu gelangen. Bis dann die Kühe nach diesem Umweg von mehr als 6 Kilometern an der Stelle waren, wo sonst die Brücke einmündete, waren sie schon schlapp und müde und wollten dann oft den Wagen den Berg nicht mehr hochziehen. Aber es half nichts, die Arbeit musste getan werden...
... Im Winter 1946 auf 47 führte die Mosel Hochwasser. Das Wasser von Mosel und Saar war so hoch, daß im Saargebiet auf den Halden die Kohlen weggetrieben sind. Auf den „Brüchern“ lagen sie vor jedem Weidenstrauch. Überhaupt waren damals alle auf der Suche nach Kohle. Es gab schon lange keine mehr zu kaufen...
...Wir hatten noch keine „Pont“ - so nannte man damals die Fähre - und so haben die Trittenheimer beschlossen, die „Pont“ in Klüsserath zu klauen. Die Klüsserather konnten ja schließlich auf die Fähren von Köwerich oder Thörnich ausweichen...Die Trittenheimer unter der Leitung von „Dickens Hannes“ sind dann zur Klüsserather „Pont“, haben die schweren Seile gekappt und sind mit ihr moselabwärts getrieben. Ich war mit dem Fahrrad hingefahren und habe mir das Schauspiel höchst amüsiert angesehen. Bis die Klüsserather es bemerkt hatten, war ihre Fähre mit den Dieben schon auf und davon in Richtung Trittenheim...
... „Hanses Appel“ hat Leo in Darmstadt abgeholt und ist mit ihm über die Mainzer Behelfsbrücke auf die linke Rheinseite gekommen, wo ich auf ihn wartete. Ich war mit Metzger Hermes, genannt "Haupisch Hannes", mit dem Auto nach Mainz gefahren, um ihn dort abzuholen. Es war der 8. Juli, der einzige Regentag im heißen Sommer des Jahres 1947. Trotz des schlechten Wetters waren wir überglücklich, endlich alles gut überstanden zu haben. Endlich, nach allen Bemühungen und Sorgen und Entbehrungen konnte ich ihn an diesem Tag für immer in die Arme schließen...Zu meinem Erstaunen hatte er sich im Lazarett gut erholt und er sah in seinem lindgrünen Anzug sehr gut aus. Haupisch Hannes hat für seine Fahrt nichts verlangt. Niemand außer ihm hätte damals auch fahren können, denn es gab praktisch kein Benzin. Nur wer wie „Haupisch Hannes“ über geeignete Tauschware verfügte – in seinem Fall war es Fleisch aus seiner Metzgerei – konnte überhaupt an Benzin herankommen.
Zuhause angekommen, sollte Leo von Dietmar mit einem Blumenstrauß begrüßt werden. Als aber Dietmar seinen Vater sah, ist er vor lauter Angst weggelaufen. Sicher hat er gedacht „Was will denn der fremde Mann hier?“. Leo hatte ihn zuletzt mit elf Monaten gesehen, jetzt war Dietmar drei Jahre alt. Leo hatte ihm ein selbstgemachtes Krokodil und noch ein fahrbares Holzspielzeug mitgebracht, was er während seiner Gefangenschaft selbst angefertigt hatte...
... Die Brückeneinweihung wurde übrigens in Verbindung mit dem Weinfest ganz groß gefeiert. Es war schließlich das erste Weinfest nach dem Krieg! Als Weinkönigin hatte man „Milzen’s Annemarie“ ausgesucht und mit einem von sechs Pferden gezogenen Wagen in einem wahrlich historischen Umzug feierlich durch das Dorf gefahren. Bei diesem Umzug wurden neben dem Hauptgetränk Wein u.a. auch Bier und Kaffee in Form von Symbolfiguren vorgestellt. Auch ich und Kehl’s Else sind bei diesem Umzug mitgegangen. Ich verkörperte die „Kaffeetante“ mit der Kaffeekanne in der Hand und Else, die während des Krieges hier als Flüchtling gewohnt hatte, stellte das Getränk „Bier“ dar. Sie trug einen großen Bierkrug...Es war ein sehr schöner Umzug und die Leute waren nach der langen Weinfest-Pause während des Krieges mit Leib und Seele dabei. Der letzte Umzug hatte 1937 stattgefunden, und so war das eine gute und erfreuliche Abwechslung...
... Wir haben unseren Traktor etwas später gekauft und haben als Gegenwert nur noch zwei Fuder Wein bezahlen müssen, da sich die Weinpreise inzwischen verdoppelt hatten.
Wir hatten jetzt nur noch ein Fuder Wein liegen. Die Firma Peters aus Kleve, die schon vor dem Krieg Wein bei uns gekauft hat und auch den Wein, aus dessen Erlös wir den neuen Traktor gekauft hatten, hat dann auch noch unser letztes Fuder gekauft und wie immer sehr gut bezahlt. Der Wein wurde am 30. August 1948 bezogen und sofort bar bezahlt. Peters, die in Kleve ein Feinkostgeschäft hatten, bezahlten in kleinen Scheinen, gerade so, wie sie das Geld eingenommen hatten. Es war ein ganzes Kistchen voll. Wir haben für dieses Fuder Wein damals einen Preis von 4392 DM erhalten...Für den Erlös aus diesem Fuder Wein haben wir in der Folgezeit folgende Dinge gekauft:
· Ein Motorrad Marke "Zündapp" für 1 25O.-- DM
· Ein Eichenholzschlafzimmer für 1 2OO.-- DM, hergestellt von der Firma Käufgens aus Niederbardenberg bei Aachen, wo Onkel Heines gearbeitet hat
· Von Gerda das Grundstück in den Köntern für 1 OOO.-- DM
· Einen Elektroherd für 43O.-- DM
So war das schöne Geld schnell ausgegeben, insgesamt 3 88O,-- DM...
...Der Weinberg ist dann auch sehr exakt gepflanzt worden. Ich musste auch wieder mit und habe stundenlang im Setzgraben gestanden. Die Reihen im „Kobelter“ waren sehr lang, es kamen vierzig Stock in eine Reihe und da musste sauber ausgerichtet werden. Wehe, wenn ein Pfahl aus der Reihe stand!...
(50er und 60er Jahre)
... ich musste ihn (Leo) immer im Auge behalten, damit er mir keine Dummheiten gemacht hat. Die Frauen sind ihm nämlich nachgelaufen und er konnte dann nicht wiederstehen. Es war kein Mann im Dorf, der so gut aussah wie Leo und ich war furchtbar eifersüchtig...
... Wenn wir im Weinberg waren und sahen die Paddler, da wussten wir, das sind unsere Gäste für heute Abend. Oft waren sie schon da, wenn wir nach Hause kamen und warteten schon vor dem „Weinloch“ auf uns. Aus ganz Deutschland, von Norwegen, von Dänemark und viele Gäste aus England waren unsere Besucher. Zunächst ging es immer ruhig zu, wenn sie dann die eine oder andere Flasche getrunken hatten, wurde in allen Landessprachen gesungen...
... Nun hat sich gleich herausgestellt, dass es keine Steißlage war und die Geburt ist dann schnell und problemlos abgelaufen. Das war ein Prachtkerl von wiederum zehn Pfund wie acht Jahre zuvor Karl-Heinz! Alle, die mich im Wochenbett besucht haben, waren begeistert von dem Jungen. Leo hat auch alle Kunden, die damals zum Weinkaufen gekommen sind, mit nach oben gebracht und hat ihnen voller Stolz unseren Sohn Peter gezeigt. Aber als dieser in der Nacht immer geschrien hat, war Leo nicht mehr so begeistert...
... Das "Rosenkranzbeten" wurde zu der Zeit noch im Haus abgehalten. Das ganze Haus war voller Menschen und es war kalt, sie saßen die ganze Treppe rauf, in der kleinen Stube und in der Küche. Wir hatten noch ein Heizöfchen angemacht, aber das brachte auch nicht viel Wärme. Mutter lag in der "großen Stube“ im Sarg...
... Anfangs hat man unseren Gymnastikklub belächelt, hat uns Namen wie z.B. „Busenschwenkverein“ gegeben. Es war ja auch etwas Ungewöhnliches zu dieser Zeit...Schließlich mussten wir alle etwas für unsere Gesundheit tun. Während den Wochen des Schneidens und Bindens hat man nachts stundenlang nicht schlafen können, weil Hände, Arme und auch der Rücken schmerzten...
(70er, 80er und 90er Jahre)
... Der 76er Jahrgang war etwas Besonderes. Wir hatten einen extrem trockenen und heißen Sommer. Bedingt durch die vorangegangene Flurbereinigung hatten die jungen Weinberge noch nicht so viele Wurzeln gezogen, dass sie dieser extremen Witterung standhalten konnten. So mussten wir notgedrungen der Natur nachhelfen und die Weinberge bewässern. Es war eine mühsame Arbeit, Dietmar und Leo haben sich beim Wasserfahren abgewechselt, es wurde Tag und Nacht gefahren...
... Karl-Heinz und Rosi haben am 24. November 1978 in Kleinblittersdorf geheiratet. Zur Hochzeit sind wir mit der ganzen Verwandtschaft mit dem Bus ins Saarland gefahren. Es war eine schöne Feier!... Wir hatten uns schon hier auf die Feier vorbereitet und entsprechend gut getrunken, was natürlich im Bus fortgesetzt wurde...Das Essen hat vorzüglich geschmeckt, Kuchen von allen Sorten war reichlich vorhanden, viel zu viel. Nachdem dann die Kuchenplatten nach dem Kaffee auf einem relativ niedrigen Podest abgestellt worden waren, ist Leo, der natürlich auch gut getrunken hatte, über dessen Kante gestolpert und in voller Länge in die Kuchen gefallen. Das Gelächter war riesengroß! Ich habe mich natürlich wieder einmal furchtbar geärgert. Anschließend sind wir noch auf die andere Saar-Seite nach Frankreich, da wurde weiter gefeiert, ich war erneut sehr aufgebracht! Jedenfalls waren alle hellauf begeistert und sprechen noch heute gerne von dieser Hochzeit...
... Dietmar wollte im Frack heiraten, das hatte er sich immer gewünscht. So bin ich dann mit ihm nach Trier gefahren zur "Blauen Hand" und habe mit ihm den Frack gekauft mit allem Zubehör. Von Marianne hat er den Zylinder bekommen und so war alles da...Die kirchliche Trauung war am 1. August 1981 in Detzem. Margret war eine sehr schöne Braut und Dietmar konnte sich auch sehen lassen...Peter und Andrea haben die Brautleute im offenen VW-Kabriolett von Detzem nach hier gefahren...Es war sehr heiß an jenem Tag im Speisesaal von „Ansches“. Dietmar hat sich schnell seines Fracks entledigt und seinen Arbeitskittel angezogen. Offensichtlich hatte er sich darin wohler gefühlt...
... Als Karl-Heinz dann in den Beruf wechseln wollte, war es sehr schlecht mit den Stellenangeboten. An die 3000 frisch gebackene Diplom-Chemiker haben damals in Deutschland eine Stelle gesucht. Seinen Doktortitel hatte er 1982 auf dem Gebiet der nuklearen Entsorgung gemacht. Zu der Zeit waren neue Atomanlagen nicht mehr so gefragt... So wurde die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf nie gebaut. Schließlich hat er dann eine Stellung im Fraunhofer- Institut in Würzburg angenommen, wo er aber nur an einem auf ein Jahr begrenzten Forschungsauftrag arbeiten konnte... Da es im Weinbaugebiet Franken, in dem Würzburg liegt, damals (1984) außer dem staatlichen Labor in Veitshöchheim nur ein einziges privates Weinlabor gab, hat sich Karl-Heinz dazu entschlossen, ein Wein- und Bodenlabor zu eröffnen. Als Standort hat er sich Volkach ausgesucht, das Zentrum des fränkischen Weinbaus. Er sollte es nicht bereuen. Trotzdem habe ich mir damals große Sorgen gemacht, schließlich hatte er gerade einmal 4300 DM Eigenkapital, um die Kredite zu beantragen. Inzwischen hat er sieben Mitarbeiterinnen, aber auch drei weitere Konkurrenten sind dazu gekommen...
... Im Frühjahr 83 haben wir dann, weil wir glaubten, einen besonders guten Wein geerntet zu haben, zehn Fuder 1982er abgefüllt. Aber dann kam der Schrecken. Es stellte sich heraus, dass der Wein einen Fremdton entwickelt hatte. Karl-Heinz, der einen Karton 82er mit nach Würzburg genommen hatte, hatte es gleich bemerkt. Ein Spritzmittel hatte den Ton auf den Wein übertragen. „Michels Juppes“ war der erste, der diesen Zusammenhang herstellte. Dieser Weinfehler bekam später die Bezeichnung „Orthen-Böckser“...Nach achtzehn Jahren ist der Fehler praktisch verschwunden und ich trinke ihn sehr gerne und habe noch ca. 2OO Flaschen davon. Es geht halt nichts über einen alten Wein!...
... Fastnachtsdienstag pünktlich um ein Uhr wurde die Fastnacht begraben. Hierzu haben wir eine selbst gemachte Puppe mit frischen Blumen vom Prinzenwagen geschmückt und, umrahmt von Kerzen, auf der Bühne aufgebahrt. Alle Anwesenden haben Trauerkleider getragen, ich habe immer die Trauerrede gehalten. Schließlich wurde das „Lieschen“ unter Trauergesängen und Wehklagen verbrannt...
... In diesem Jahre (1988) gab es für mich eine Überraschung. Was ich nicht geglaubt hätte, Dietmar ist Karnevalsprinz geworden mit Karin Mattes als Prinzessin! Sie waren ein schönes Paar, gekleidet in rote Samtkostüme. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie in den Saal eingezogen sind...
... Am Tag, als die letzten Trauben gelesen wurden, wurde ich abgerufen zur Operation. Ich musste wieder ein paar Tage warten und als ich dann endlich für die OP fertig gemacht worden war - alle Vorbereitungen waren am 31. Oktober 1991 getroffen – und aus der Narkose erwachte, war nichts passiert! Ein Defekt an der Herzlungenmaschine war der Grund, warum die Operation nochmals verschoben werden musste. Am 4. November habe ich dann drei Bypässe gelegt bekommen, wovon einer aber gleich wieder zu war...
... Am 9. März 1992 war der 5O. Jahrestag unserer kirchlichen Trauung in Wien, von der nur eine traurige Erinnerung geblieben ist: ich hatte während der ganzen Trauung geweint, wussten wir doch nicht, wie sich die Zukunft gestalten würde und ob wir heil aus dem Krieg heraus kommen würden. Deshalb haben wir am 2O. März alles nachgeholt! Wir hatten alle Verwandten eingeladen und hatten eine schöne Feier. Um ein Uhr war Sektempfang bei uns in der geschmückten Halle mit einem kleinen Imbiss. Dann ging es in die Kirche! Die Feier wurde mitgestaltet von unserem Kirchenchor, der einige schöne Lieder gesungen hat. Wir hatten uns besonders fein heraus geputzt. Leo hatte einen neuen schönen schwarzen Anzug mit feinem Hemd und einer tollen Fliege. Ich hatte ein Pepitakostüm mit weißer Bluse und einem tollen roten Hut mit dunkelblauem Band. Da Leo beim Sektempfang kräftig mitgemacht hatte, wurde er bei der langen Predigt müde und ist eingeschlafen. Nach einem kurzen Schubs von mir ist er dann aufgewacht. Wir hatten ein herrliches, für die Jahreszeit ungewöhnlich warmes Wetter. ...Hier in der Halle war dann später Jubel, Trubel Heiterkeit. Leo war außer Rand und Band und hat Witze gerissen. Wir haben ein schönes Video davon.
... Furchtbar, wenn man zuschauen muss, ohne helfen zu können, wenn es mit seinem liebsten Menschen, mit dem man durch fast das ganze Leben gegangen ist, zu Ende geht. In der Nacht ist mir das ganze Leben durch den Kopf gegangen, schöne und gute Zeiten, aber auch Abschnitte, die sehr bitter waren und die man am liebsten auslöschen würde. In der Jugend, der schönsten Zeit im Leben, war man getrennt; im Krieg Sorge um Leben und Gesundheit; Auszug aus der Heimat in die Fremde mit Leo und Dietmar unter den schwierigsten Bedingungen; wohnen unter fremden Menschen, die aber gut zu mir waren. Heimkehr von Tieringen durch die zerbombten Städte und Dörfer - meistens zu Fuß; warten auf ein Lebenszeichen aus der Gefangenschaft; dann die Krankheit im Lager, wo Leo vier Wochen mit 4O Grad Fieber im Lazarett ohne ordentliches Bett danieder lag... © Dr. Karl-Heinz Nilles, Volkach (2009)